Beliebter „Landesvater“ und „Reizfigur“ der Linken: Hans Karl Filbinger (1913-2007)

von Mirjam Schnorr

Hans Karl Filbinger führte die baden-württembergische CDU zu großen Wahlerfolgen in den 1970er-Jahren. Mit seinem Namen sind bedeutende politische Leistungen im deutschen Südwesten verbunden.

Die „Badenfrage“ und damit die Angelegenheit einer etwaigen Unabhängigkeit des badischen Teilstaates von Württemberg kamen während Filbingers Amtszeit zur Lösung, die Konfessionsschulen wurden abgeschafft, er brachte die Umweltpolitik voran und die Verwaltungsstrukturen Baden-Württembergs erhielten einen umfassenden Modernisierungsschub. Auch auf bundespolitischer Ebene erlangte er Geltung durch seine Tätigkeit im Bundesrat und seine Positionen in der Christdemokratie. Filbinger ist eine Symbolfigur für konservative Haltungen, die den Protestbewegungen der 1960er- und 1970er-Jahre konträr gegenüber standen, für die Vorstellungen von einem „starken Staat“, der sich gegen seine „Feinde“ zur Wehr setzen musste, ebenso wie für die Verharmlosung und Verdrängung der NS-Vergangenheit der Bundesrepublik. Filbinger war Jurist – als solcher stellte er sich im Zweiten Weltkrieg als Marinerichter in den Dienst des Nationalsozialismus –, er war Politiker, Ministerpräsident und beliebter „Landesvater“ Baden-Württembergs. Er war gleichermaßen Katholik, Repräsentant des Konservatismus und patriarchales Familienoberhaupt. Ebenso gilt er als Feindbild sowie „Reizfigur“ der Studentenbewegung und der Linken – nicht zuletzt, weil er den „Radikalenerlass“ in Baden-Württemberg vergleichsweise kompromisslos umsetzen ließ.

Hans Karl Filbinger auf dem 26. CDU-Bundesparteitag in Ludwigshafen, Oktober 1978 (Bundesarchiv B 145 Bild-F054633-0026).

Hans Karl Filbinger wurde am 15. September 1913 in Mannheim geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er größtenteils auf dem Hof der Großeltern in der badischen Gemeinde Sasbach im Ortenaukreis, nachdem die Mutter bereits 1918 gestorben war. Filbinger absolvierte das Realgymnasium und engagierte sich als Jugendlicher in der parteipolitisch dem katholischen Zentrum nahestehenden Jugendbewegung „Bund Neudeutschland“. Von 1933 bis 1937 studierte er Jura und Volkswirtschaft in Freiburg, München und Paris. Anschließend verfasste er eine Dissertation zum Thema „Die Schranken der Mehrheitsherrschaft im Aktienrecht und Konzernrecht“ und legte 1940 die Prüfung zum Volljuristen ab.

Im „Dritten Reich“ wirkte er ab 1943 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges bei der Marinejustiz, er war seit 1933 Mitglied des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes und des Wehrsportverbandes der Freiburger Universität gewesen, 1937 der NSDAP beigetreten und 1940 zur Marine eingezogen worden. Er fand Verwendung im besetzten Norwegen, zuletzt im Rang eines Marinestabsrichters. In dieser Funktion war er an Todesurteilen für Delikte wie Fahnenflucht und „Wehrkraftzersetzung“ von Marineangehörigen beteiligt. Auch unter den britischen Besatzern fungierte er im Norwegen der unmittelbaren Nachkriegszeit weiter als Richter, bevor er 1946 nach Freiburg zurückkehrte und als Anwalt zu arbeiten begann. Neben seiner Beschäftigung als Jurist – er war in der Hauptsache als Wirtschaftsberater und Fachanwalt für Steuerrecht tätig – arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent an der Universität in Freiburg. Eine geplante Habilitation schloss er allerdings nicht ab. In Bezug auf sein Privatleben ist zu erwähnen, dass er 1950 Ingeborg Breuer heiratete, die ihn zeit seines Lebens und durch all seine politischen Ämter begleitete. Aus der Verbindung gingen insgesamt fünf Kinder hervor, vier Töchter und ein Sohn, darunter die Älteste, Susanna, die 2003 unter dem Titel „Kein weisses Blatt“ eine „Vater-Tochter-Biografie“ vorlegte, in der sie sich u.a. mit den Auswirkungen der Karriere ihres Vaters als Landespolitiker auf die Familie und seinem „Sturz“ infolge der „Filbinger-Affäre“ 1978 – dem Jahr, in dem das Bekanntwerden von Filbingers ehemaligem Einsatz als NS-Marinerichter zu seinem Rücktritt als Ministerpräsident führte – auseinandersetzt.

Seine politische Karriere startete Filbinger verhältnismäßig spät. 1951 – Filbinger war zu diesem Zeitpunkt Ende dreißig – trat er der CDU bei und war für diese zwischen 1953 und 1960 als Stadtrat in Freiburg aufgestellt. 1958 erfolgte seine Berufung als ehrenamtlicher Staatsrat für Südbaden in die Landesregierung, ein Amt, in dem er sich für den Zusammenhalt zwischen der Landeshauptstadt Stuttgart und den badischen Landesteilen einsetzte. 1960 wurde er als Direktkandidat für den Wahlkreis Freiburg in den baden-württembergischen Landtag gewählt und von Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger zum Innenminister des Südweststaates berufen. Damit war er in der politischen Führungsspitze Baden-Württembergs angekommen, zu seinem Ressort gehörten die Innen- und Polizeiverwaltung, die Gesundheits- und Sozialpolitik sowie die Verkehrsverwaltung und Umweltfragen.

In den Folgejahren konnte er seine Position noch deutlich ausbauen: Im Oktober 1966 übernahm er den Vorsitz der südbadischen CDU – die CDU in Baden-Württemberg gliederte sich damals noch in vier Landesverbände und wurde erst Anfang 1971 sowie auf entschiedenes Betreiben Filbingers in einem Landesverband vereint, dessen erster Vorsitzender dann ebenfalls Filbinger werden sollte. Nach Kiesingers Wahl zum Bundeskanzler Ende 1966 trat Filbinger außerdem das Amt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten an. Er hatte sich kurz zuvor in der Wahl zum neuen Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion gegen seinen Konkurrenten, Kultusminister Wilhelm Hahn, durchgesetzt. Anschließend war es ihm gelungen, durch Zugeständnisse an die Landes-SPD hinsichtlich der bis dahin strittigen Aufhebung von Konfessionsschulen, eine Große Koalition von CDU/CSU und SPD auf den Weg zu bringen. Das sicherte ihm und den Christdemokraten die Zustimmung weiterer Wählerkreise insbesondere aus dem evangelischen Spektrum. Nachdem die schwarz-rote Koalition im Jahr 1968 noch einmal für vier Jahre bestätigt worden war, gewann Filbinger ab 1972 absolute Mehrheiten mit der CDU. Auf sie entfiel 1972 ein Stimmenanteil von 52, 9 Prozent; 1976 konnte die Partei diesen noch auf 56, 7 Prozent erhöhen – der bislang größte Wahlerfolg der CDU in der Bundesrepublik. Mit diesen Ergebnissen erlangte die CDU als Partei in Baden-Württemberg eine Vorreiterstellung und sie sicherte ihren Status als regierungsbildende Kraft.

Der Erfolg der CDU – teilweise die „Baden-Württemberg-Partei“ genannt, um ihre anhaltende Dominanz im Südwesten zu betonen – beruhte dabei maßgeblich auf der Popularität Filbingers, der sich auch auf bundespolitischer Ebene etablieren konnte, indem er z.B. 1973 zum stellvertretenden CDU-Bundesvorsitzenden gewählt wurde. Kurzzeitig war er sogar als Nachfolger von Bundespräsident Walter Scheel im Gespräch. Als Innenminister und Ministerpräsident in Baden-Württemberg setzte er die Gebiets- und Verwaltungsreform des Bundeslandes um, die Anzahl der Gemeinden wurde verringert, Stadtkreise verbunden und Landkreise neu aufgestellt, die Verwaltungsstrukturen im allgemeinen modernisiert. 1970 kam es nach einer Volksabstimmung in Baden zu einer Konsolidierung des Landes, indem über 80 Prozent der Wähler für einen Verbleib Badens im Südweststaat gestimmt hatten. Bildungspolitisch setzte Filbinger auf ein gestaffeltes Schulsystem und ließ Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien fördern und ausbauen, Gesamtschulen stand er kritisch gegenüber. In der Umweltpolitik tat er sich dadurch hervor, dass er spezielle Strukturen schaffen ließ, die sich Einzelfragen des Umweltschutzes widmeten, wie etwa die Bodenseekonferenz, die bis heute für den Erhalt der Bodenseeregion als Natur- und Kulturraum sowie den Schutz des Gewässers eintritt. Umweltpolitische Fragen waren ihm bereits seit Mitte der 1960er-Jahre – die Ökologiebewegung in der Bundesrepublik begann sich in dieser Zeit erst zu organisieren – ein wichtiges Anliegen gewesen und er bezog in dieser Thematik frühzeitig programmatisch und richtungsweisend Position.

Konfliktreich hinsichtlich seines landespolitischen Engagements war jedoch sein Einsatz für die Kernenergie als Ressource der Energieversorgung – so hielt er beispielsweise kompromisslos an den Plänen für den Bau eines Atomkraftwerkes in Wyhl 1975/76 zur Sicherung der Stromversorgung Baden-Württembergs fest. Letztlich realisierte das Land seine Pläne zur Errichtung des Atomkraftwerkes nicht, weil eine massive Protestbewegung hiergegen aufgekommen war. Die Diskussion um Wyhl hatte dabei zur Formierung der Anti-Atomkraft-Bewegung geführt und politische Aktionsformen für die Neuen Sozialen Bewegungen geprägt. Gleichfalls waren die GRÜNEN über den Streit um den Bau des Kernkraftwerkes im Südwesten deutlicher hervorgetreten.

Spannungsgeladen war auch Filbingers Eintreten für den Bereich der Inneren Sicherheit und jenes von ihm vertretene Konzept der „wehrhaften Demokratie“. Der Protestbewegung der „1968er“ sowie den Studentenunruhen Ende der 1960er/Anfang der 1970er-Jahre stand Filbinger ebenso kritisch und ablehnend gegenüber wie der „Neuen Ostpolitik“ der Regierung Willy Brandts. Hierin erblickte er spezifische Gefahren für die Innere Sicherheit der Bundesrepublik. Den Terrorismus der RAF (Rote-Armee-Fraktion) interpretierte er als direkte Konsequenz der gesellschaftlichen und politischen Umbrüche seit Ende der 1960er-Jahre. Mit den terroristischen Akten der RAF musste er sich als Ministerpräsident Baden-Württembergs ganz besonders auseinandersetzen, denn der „deutsche Herbst“ stellte gerade den Südweststaat vor große Herausforderungen. Die führende Köpfe der RAF, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, hatten in der Nacht zum 18. Oktober 1977 Selbstmord in ihren Zellen im Gefängnis Stuttgart-Stammheim begangen; einen Tag später fand man die Leiche von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer im Kofferraum eines Audis in Mühlhausen – RAF-Terroristen hatten ihn wenig vorher entführt; ursprünglich soll sogar Filbinger selbst anstatt Schleyer als Entführungsopfer erwogen worden sein. Die schließlich im Verfahren zur Aufklärung der Selbstmorde in Stammheim offenbarten Sicherheitslücken und Versäumnisse der Behörden kosteten Filbinger beinahe sein Amt als Landesvorsitzender. Er wurde als Hauptverantwortlicher für die Selbstmorde tituliert und Rufe nach einem Rücktritt wurden vor allem von Seiten der Medien laut. Dennoch hielt er sich zunächst im Amt und betonte angesichts des RAF-Terrors die Wichtigkeit eines „wehrhaften“ demokratischen Staates.

Im Lichte seines Bemühens um die Innere Sicherheit und der Betonung eines Staates, der sich gegen seine „Feinde“ zu verteidigen wissen müsste, sind auch die Entwicklungen um den „Radikalenerlass“ unter der Regierung Filbinger zu sehen. Der „Radikalenerlass“ stellte für ihn eine der „zentralen Frage[n] der inneren Sicherheit“ dar (hierzu etwa: Pressemitteilung der Landesregierung vom 2. Juli 1975). Bereits am 22. Juni 1972 führte Filbinger im Landtag aus: „Die aktuelle Gefährdung unserer inneren Sicherheit offenbart zugleich eine tiefgreifende Schwäche des demokratischen und rechtsstaatlichen Bewußtseins. Destruktive Kritik am demokratischen Staat, illusionäres Wunschdenken und Aggressivität gegen realpolitisches Handeln, moralische Aufwertung von Revolution und Gewalt, Verharmlosung der radikalen Unterwanderung, halbherzige Abgrenzung gegenüber parteipolitischem Radikalismus und Gleichgültigkeit vieler, das alles hat den Nährboden für politisch motivierte Gewalt geschaffen. […] Die Landesregierung wird ihre Aufgabe so handhaben, dass das Geld des Steuerzahlers nicht für Einrichtungen missbraucht wird, an denen der Radikalismus gelehrt wird“ (Verhandlungen des Landtags, Protokollband I, 6. Wahlperiode, 1972, 20 f.).

Ausgehend hiervon nimmt es wenig wunder, dass Filbinger in Baden-Württemberg eine strikte Implementierung des „Radikalenerlasses“ forcierte und die Bestimmungen des Beschlusses unter seiner Ministerpräsidentschaft konsequent umgesetzt wissen wollte. Die Landesregierung Baden-Württemberg erließ hierzu Anfang Oktober 1973 den nach Filbingers Innenminister Karl Schiess benannten „Schiess-Erlass“, der fortan länderspezifisch regelte, dass jeder Bewerber für den öffentlichen Dienst mittels einer sog. Regelanfrage beim Innenministerium, respektive Verfassungsschutz, dahingehend zu überprüfen war, ob er allseits die „Gewähr“ für die Verteidigung der „freiheitlichen demokratischen Grundordnung“ biete. Filbinger setzte sich dabei ebenso dafür ein, dass die baden-württembergische Regelung gleichfalls als bundesweites Gesetz übernommen würde, nur so konnte gemäß seiner Einschätzung ein „wirksame[r] Schutz des Staates vor Verfassungsfeinden“ im öffentlichen Dienst „gewährleistet“ werden (vgl. hierzu: Pressemitteilung der Landesregierung vom Frühjahr 1974). In der Debatte um den „Radikalenerlass“ und insbesondere den „Schiess-Erlass“ in Baden-Württemberg verteidigte Filbinger stets das Vorgehen des Südweststaates gegen „Radikale“ im öffentlichen Dienst. Vorwürfen von einer Unverhältnismäßigkeit und Unrechtmäßigkeit der Überprüfungspraxis im Zuge von Bewerbungsverfahren begegnete er vehement mit den Hinweisen auf die unbedingte Richtigkeit des Vorgehens und der generellen Einzelfallbetrachtung bzw. deren gerichtsmäßiger Untersuchung, die jegliche Willkür und behördlichen Fehlleistungen von vorne herein ausschließen würden. Er vertrat die Überzeugung, dass das „Tor zu sperren“ sei, also der Zugang zum öffentlichen Dienst für einen Bewerber zu verweigern war, wenn es „Zweifel“ jedweder Art an dessen „Verfassungstreue“ gab. Diese „Zweifel“ sah er bereits begründet durch eine Mitgliedschaft in einer „verfassungsfeindlichen“ Partei. Insbesondere der schulische Bereich lag ihm diesbezüglich am Herzen. Eltern „in unserem Land“ sollten versichert sein, „daß ihre Kinder vor kommunistischer oder rechtsradikaler Indoktrination geschützt werden“. Hierzu durfte sich die Regierung in Baden-Württemberg in der Anwendung des „Extremistenbeschlusses“ in dieser „besonders gefährdet[en]“ Sektion der Schulen „keine Laxheit gegenüber politischen Verführern leisten“. Würde man hier von der Linie abweichen, hieße das, den „Staat in Teufels Küche“ bringen (siehe: Gespräch mit Hans Filbinger „Wir werden uns keine Laxheit leisten“, Der Spiegel 27, 1976, 33-43).

So hoch wie Filbinger politische „Verfehlungen“ im Zuge der Frage nach der Einstellung von „Radikalen“ in den öffentlichen Dienst bewertete und verurteilte, so sehr wurde ihm während seiner Amtszeit als Ministerpräsident Baden-Württembergs seine eigene politische Vergangenheit zum Verhängnis. 1978 löste eine Leseprobe aus der Erzählung „Eine Liebe in Deutschland“ des Autors Rolf Hochhuth in der Zeit die im Nachhinein als „Filbinger-Affäre“ bezeichnete Kontroverse um die NS-Vergangenheit des baden-württembergischen „Landesvaters“ aus. Waren auch schon zuvor immer wieder Verdachtsmomente hinsichtlich Filbingers Wirken im Nationalsozialismus öffentlich aufgekommen, hatte Hochhuths Text, in dem er Filbinger einen „furchtbaren Juristen“ nannte und damit auf seine Tätigkeit als Marinestabsrichter rekurrierte, eine Art Signalwirkung und die causa Filbinger rückte verstärkt in das Interesse der Öffentlichkeit.

Filbinger war sowohl in der Position des Richters als auch in der des Anklagevertreters an vier Todesurteilen beteiligt gewesen. Am prominentesten diskutiert wurde Ende der 1970er-Jahre schließlich der Fall des Matrosen Walter Gröger, an dem das gefällte Todesurteil tatsächlich auch vollstreckt worden war. In der Folge brachte nicht unbedingt die Tatsache, dass er eine Vergangenheit im nationalsozialistischen Justizapparat hatte, Filbinger zu Fall, sondern vielmehr sein Umgang mit den Vorwürfen und seine halsstarrige Uneinsichtigkeit führten dazu, dass er letztlich am 7. August 1978 vom Ministerpräsidentenamt zurücktreten musste. Filbinger verstand sich als Opfer einer „Rufmordkampagne“, die v.a. von linksliberalen Medien gesteuert worden sei. Zuerst bestritt er die Vorwürfe, schob dann Erinnerungslücken an sein Handeln im „Dritten Reich“ vor, holte schließlich zum vermeintlichen Gegenangriff aus, indem er die Vorwürfe justiziell anzufechten versuchte, und zog sich dann nach seinem Rücktritt aus der Öffentlichkeit und beharrend auf dem Standpunkt, dass nicht er unrecht gehandelt habe, sondern ihm Unrecht angetan worden sei, zurück. Mit seinem „pathologisch gute[n] Gewissen“ – so der damalige SPD-Oppositionsführer im Landtag, Erhard Eppler – avancierte Filbinger allerdings zum Sinnbild der personellen und gedanklichen Kontinuitäten des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik bzw. der defizitären Auseinandersetzung mit dem diktatorischen Vorgängerregime und dessen Verbrechen. Bis zu seinem Tod arbeitete er an seiner Rehabilitierung und suchte Schuldige für seinen Sturz. Außerdem trat er nach dem Ende seiner politischen Karriere durch die Gründung des Studienzentrums Weikersheim 1979 noch einmal öffentlich auf, dessen Leiter er bis 1997 war und das Raum für Tagungen oder Seminare zu verschiedenen christlich-konservativen Themenschwerpunkten bieten sollte. Das Studienzentrum existiert bis heute, Kritikern gilt es allerdings als Forum der Neuen Rechten.

Filbinger starb am 1. April 2007 im Alter von 93 Jahren in seinem Haus in Freiburg. Auch nach seinem Tod sorgte er für Debatten. Günther Oettinger, Ministerpräsident von Baden-Württemberg zwischen 2005 und 2010, ließ etwa in seiner Trauerrede für Filbinger bei einem Staatsakt am 11. April 2007 im Freiburger Münster verlauten, dass der ehemalige „Landesvater“ kein Anhänger, sondern vielmehr „Gegner des NS-Regimes“ gewesen sei (Oettingers Rede im Wortlaut, Süddeutsche Zeitung). Diese und andere Aussagen der Rede riefen empörte Reaktionen in der Öffentlichkeit hervor, Filbingers nationalsozialistische Vergangenheit stand erneut auf der Agenda politischer und historischer Auseinandersetzungen. Oettinger entschuldigte sich in der Folge für seine Formulierung von der „Gegnerschaft“ Filbingers in Bezug auf das „Dritte Reich“, nachdem gleichfalls Bundeskanzlerin Angela Merkel die undifferenzierte Behandlung von Filbingers Wirken während des Zweiten Weltkriegs seitens ihres CDU-Kollegen moniert hatte (hierzu: Merkel distanziert sich von Oettinger, Der Tagesspiegel). Die Kontroverse um die Oettinger-Ansprache machte deutlich, dass Filbinger gerade mit seiner Rolle im Nationalsozialismus auch Anfang der 2000er-Jahre noch eine „Reizfigur“ des öffentlichen Lebens war.

Quellen (Auswahl)

Dokumentation „Oettingers Rede im Wortlaut“, in: Süddeutsche Zeitung, URL: [https://www.sueddeutsche.de/politik/dokumentation-oettingers-rede-im-wortlaut-1.416391] (25.05.2019).

Filbinger, Hans, Die geschmähte Generation, München 1987.

Filbinger-Riggert, Susanna, Kein weisses Blatt. Eine Vater-Tochter-Biografie, Frankfurt a. M. 2013.

Gespräch mit Hans Filbinger „Wir werden uns keine Laxheit leisten“, Der Spiegel 27, 1976, S. 33-43.

Pressemeldung „Filbinger-Trauerrede. Merkel distanziert sich von Oettinger“, in: Der Tagesspiegel, URL: [https://www.tagesspiegel.de/politik/filbinger-trauerrede-merkel-distanziert-sich-von-oettinger/834580.html] (25.05.2019).

Verhandlungen des Landtags von Baden-Württemberg, 6. Wahlperiode 1972-1978, Protokollband I, 1.-20. Sitzung, 7. Juni 1972 bis 13. März 1973.

Zitierte Pressemitteilungen aus: Hauptstaatsarchiv Stuttgart EA 1-924 Bü 844.

Literatur (Auswahl)

Bach, Christine/Küsters Hanns Jürgen, Filbinger, Hans Karl, in: Konrad Adenauer Stiftung, URL: [https://www.kas.de/statische-inhalte-detail/-/content/filbinger-hans-karl] (22.05.2019).

Eith, Ulrike, Von Wyhl bis Karlsruhe – Bürgerproteste, Neue Soziale Bewegungen und die Gründung der Grünen, in: Filbinger, Wyhl und die RAF. Die Siebzigerjahre in Baden-Württemberg, hg. von Philipp Gassert u.a., Stuttgart 2014, S. 113-136.

Grotz, Claus-Peter, Die CDU, in: Parteien in Baden-Württemberg, hg. von Michael Eilfort, Stuttgart 2004, S. 37-74.

Lommatzsch, Erik, Hans Filbinger (1913-2007). Ein Mann in seiner Zeit, in: Filbinger, Wyhl und die RAF. Die Siebzigerjahre in Baden-Württemberg, hg. von Philipp Gassert u.a., Stuttgart 2014, S. 47-70.

Ders., Lebensbilder. Umweltpolitische Positionen Hans Filbingers, in: Konrad Adenauer Stiftung, URL: [https://www.kas.de/c/document_library/get_file?uuid=ee8eae7f-6bcf-dc3e-2489-c69411e70780&groupId=252038] (22.05.2019).

Mossmann, Walter, hans. il conformista, in: Filbinger – eine deutsche Karriere, hg. von Wolfram Wette, Springe 2006, S. 147-156.

Peters, Butz, Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF, Frankfurt a. M. 2007.

Sepaintner, Fred Ludwig, Die Lebensgeschichte, in: Hans Filbinger. Aus neun Jahrzehnten, hg. von ders., Leinfingen-Echterdingen 2003, S. 21-68.

Wette, Wolfgang, Einleitung des Herausgebers, in: Filbinger – eine deutsche Karriere, hg. von Wolfram Wette, Springe 2006, S. 7-14.

Ders., Der Fall Filbinger, in: ebd., S. 15-34.

Zur Autorin

Mirjam Schnorr M.A. ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Lehrstuhl für Zeitgeschichte der Universität Heidelberg.

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