Absage an den Radikalismus: Der „Bund Freiheit der Wissenschaft“ und der „Extremistenbeschluss“

von Mirjam Schnorr

Richard Löwenthal, Publizist, Intellektueller, Sozialdemokrat und Professor für Politikwissenschaft in Berlin in den 1960/70er-Jahren sowie während der Zeit des „Dritten Reiches“ entschiedener Opponent des Nationalsozialismus, ließ 1972 in einem Vortrag vor der Bremer Sektion des von ihm mit initiierten „Bundes Freiheit der Wissenschaft“ Folgendes verlauten:

„[D]ieser Beschluß [gemeint ist hier der „Radikalenerlass“] ist heute das entscheidende Kriterium, an dem sich die Anhänger und die Gegner dieses demokratischen Staates scheiden, und an dem auch die Zukunft der Hochschulen entschieden wird. […] [A]lle diejenigen, die diese Demokratie erhalten und weiterentwickeln wollen, stehen zu ihm“ (Richard Löwenthal beim „Bund Freiheit der Wissenschaft“ in Bremen, 14. Juni 1972, zit. nach: Wehrs, Protest, 406).

Mit seiner Aussage ließ sich Löwenthal zu diesem Zeitpunkt zweifelsfrei als Befürworter des, wenige Monate zuvor ergangenen „Radikalenerlasses“ zur „Abwehr“ von rechten und linken „Extremisten“ im öffentlichen Dienst identifizieren. Die Zustimmung zum „Ministerpräsidentenbeschluss“ stand in diesem Kontext für ihn maßgeblich für eine Abgrenzung überzeugter Demokraten von Widersachern des demokratischen Systems. Löwenthal repräsentierte damit die geläufige Meinung von Mitgliedern des „Bundes Freiheit der Wissenschaft“, der sich – neben anderen gesellschaftlichen Vereinen, Interessensverbänden, politischen Gruppierungen oder bürgerschaftlichen Initiativen – in der Debatte um die Bestimmungen und Auswirkungen des „Radikalenerlasses“ bzw. auch der baden-württembergischen Variante, des „Schiess-Erlasses“, zu Wort meldete. Doch nicht nur die Tatsache, dass der „Bund“ sich in die öffentliche Diskussion um die „Radikalenfrage“ in der Bundesrepublik in den 1970er-Jahren einschaltete, lässt ihn als Akteur in Hinblick auf das Thema des „Extremistenbeschlusses“ von 1972 interessant erscheinen. Auch der Hintergrund jener, hauptsächlich von Professoren getragenen Vereinigung, ihre Gründungsmotivation, ihre Ziele und Aktivitäten, bieten zahlreiche inhaltliche Anknüpfungspunkte für die Erforschung von Einsetzung und Ausführung des „Radikalenerlasses“ speziell im Hochschulbereich.

Der „Bund Freiheit der Wissenschaft“ wurde im Jahr 1970 von namhaften Wissenschaftlern wie etwa dem erwähnten Löwenthal, den Historikern und Philosophen Hermann Lübbe, Ernst Nolte, Gerd Tellenbach, den Soziologen Erwin Scheuch und Friedrich Tenbruck sowie weiteren Intellektuellen, z. B. aus der Politologie, Journalistik oder Ökonomie, ins Leben gerufen. Der als überparteilich organisierte Verein wollte – so wird es in seiner Satzung aus dem gleichen Jahr formuliert – aber durchaus „Personen aus allen Kreisen der Bevölkerung“ versammeln, um sich seiner Hauptaufgabe, die „Freiheit von Forschung, Lehre und Studium zu wahren und zu fördern“, zu stellen. Dabei stützte sich der „Bund“ explizit auf die „freiheitlich demokratische Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland“ und berief sich auf das „Bewußtsein der gesellschaftlichen Verantwortung der Wissenschaft“ (Bund Freiheit der Wissenschaft, Satzung, § 2). Der Gründungskongress des „Bundes Freiheit der Wissenschaft“ fand am 18. November 1970 in der Stadthalle Bad Godesberg, Bonn, statt. Bis 1975 wuchs der Bund laut eigenen Angaben auf circa 5200 Mitglieder an – unter diesen, hauptsächlich akademisch geschultes Personal aus allen politischen Richtungen und zu einem nennenswerten Teil auch junge Professoren, die einen modernen und progressiven Kurs auf ihren Lehrstühlen verfolgten.

Ausgangslage der Gründung des Interessenverbandes „Bund Freiheit der Wissenschaft“, der im ersten Jahr seines Bestehens an sämtlichen westdeutschen Hochschulstandorten Ortsverbände, sog. Sektionen, etablieren konnte, waren die seit den 1960er-Jahren eingetretenen Veränderungen an den Universitäten der Bundesrepublik gewesen – namentlich die Studentenbewegung sowie die Auseinandersetzungen um eine Bildungsexpansion und Hochschulreform (vgl. hierzu: Bund Freiheit der Wissenschaft, Aktionsprogramm). Den im „Bund“ organisierten Vertretern der Wissenschaft war gemein, dass sie die Lehr- und Forschungsfreiheit im universitären Bereich in „Gefahr“ wähnten, weil sich einerseits die linke Studentenbewegung seit Ende der 1960er-Jahre sukzessive radikalisiert und auch vor gewaltsamen Aktionsformen nicht Halt gemacht hatte. Das Erstarken der zahlreichen linken Gruppierungen an den Hochschulen bedingte andererseits aus der Sicht der Professoren des „Bundes“ eine „Unterwanderung des Wissenschaftsbetriebs“ durch „Kommunisten“. Diese sei gleichfalls durch die staatliche Hochschulreformpolitik befördert worden, indem die Universitäten die Mitbestimmungsrechte studentischer Gremien und Organisationen in der Vergangenheit immer wieder unterstützt und gestärkt hätten.

Bereits im Gründungsaufruf des Bundes von 1970 hieß es in Bezug auf die „Gefahren“, die der universitären Lehre von Seiten der Studentenbewegung und insbesondere ihres „radikalen“ Flügels drohten: „In einer Zeit rascher und tiefgreifender Wandlungen steht jede politische oder gesellschaftliche Institution vor der Frage, wie sie neuen Entwicklungen gerecht zu werden vermag. […] Wo Ideologien die Oberhand gewinnen, welche die Zerstörung des Bestehenden als Voraussetzung für die Verwirklichung utopischer Ziele betrachten, dient der Ruf nach Reformen nicht mehr einer Modernisierung und Steigerung der Leistungsfähigkeit der Institution, sondern ihrer Lähmung und Vernichtung. Vor einer solchen Gefahr stehen heute die Hochschulen in der Bundesrepublik. Vor der gleichen Gefahr könnte morgen der Staat stehen. […] Wir werden die Öffentlichkeit darüber aufklären, was an den Universitäten wirklich geschieht und inwiefern es dabei nicht nur um die Freiheit der Wissenschaft, sondern auch um den freiheitlichen Staat geht“ (Bund Freiheit der Wissenschaft, Gründungsaufruf, 7, 10). Über den „Angriff dieser Gruppe“ von „verfassungsfeindlich“ gesinnten „Kommunisten“ und „ihrer Mentoren auf die Universität der Bundesrepublik“ hielt Ernst Nolte, Gründungsmitglied des „Bundes“ und später – Mitte der 1980er-Jahre – maßgeblich beteiligt am „Historikerstreit“, etwa zur gleichen Zeit fest, dass es sich hierbei um „keine bloße Hochschulangelegenheit“, sondern um eine „akute Krise des Staates“ handelte, die „nur vom Staat“ zurückgewiesen werden könnte (Nolte, Situation, 28). Der „Bund“ selbst erteilte jeglichem Radikalismus innerhalb der universitären Lehre eine „klare Absage“ (vgl. hierzu: Artikel Klare Absage an den Radikalismus).

Dass die Befürchtungen der im „Bund Freiheit der Wissenschaft“ organisierten Universitätsangehörigen und Professoren nicht ganz unberechtigt waren, beweist der Umstand, dass etliche von ihnen tatsächlich Beeinträchtigungen in ihrer Lehrtätigkeit an den Universitäten und sogar Gewalt von Seiten der „radikalen“ Studentenbewegung erleben mussten. Neben den herkömmlichen Protestformen von Demonstrationen, Vollversammlungen, Besetzungen, Flugblatt- und Plakataktionen oder diversen „Go-ins“, „Sit-ins“ und „Teach-ins“ im Universitätsalltag, griffen die „bewegten“ Studenten auch zu erheblich aggressiveren Methoden wie Störaktionen, Bedrohungen, dem Bewerfen missliebiger Hochschulmitglieder mit Eiern, Tomaten oder Farbbeuteln sowie z. B. dem Hinausdrängen von Dozierenden, z. T. auch unter tätlichen Angriffen. Die Dokumentation der Sektion Heidelberg des „Bundes Freiheit der Wissenschaft“ für das Wintersemester 1972/73 etwa gibt hiervon beredtes Zeugnis. Darin heißt es gleich zum Einstieg, dass es „zu den bisher schwersten Störungen von Lehrveranstaltungen und Sitzungen von Universitätsgremien“ gekommen sei; von „Psychoterror und Angriffen jeder Art“ wird berichtet. Eine anschließende Zeittafel listet die Vorkommnisse an den Einrichtungen der Universität Heidelberg beispielhaft auf: „24.10.1972 Sprengung der Sitzung des kleinen Senats […]. 13.11.1972 Prof. Dr. Niederländer wird von Störern seiner Vorlesung tätlich angegriffen, mit Eiern und Farbbeuteln beworfen und vielfach getroffen. […] 14.11.1972 Der Lehrkörper der juristischen Fakultät stellt den Lehrbetrieb vorläufig ein, bis sichergestellt ist, daß alle Lehrveranstaltungen […] ungehindert durchgeführt werden können. […] 17.11.1972 Vorlesung von Prof. Dr. Conze erneut gestört [und] […] endgültig eingestellt. […] 8./9.2.1973 Besetzung der Universität. Alle Vorlesungen in der Neuen Universität werden verhindert. Nicht radikale Studenten unter Anwendung von Gewalt aus der Universität vertrieben“ (Bund Freiheit der Wissenschaft, Dokumentation 3, o. S.).

In Heidelberg hatten die Konflikte zwischen der Professorenschaft und der Studentenbewegung schon vor den Ereignissen des Wintersemesters 1972/73 vermutlich zu einem Fall von Selbstmord geführt: Jan van der Meulen, außerplanmäßiger Professor für Philosophie, nahm sich im Herbst 1969 das Leben, weil er die Angriffe der Studenten auf seine Lehrveranstaltungen nicht mehr ertrug. Mögen van der Meulen sicherlich noch weitere Umstände zur Selbsttötung getrieben haben, zeigen die vorangegangenen Beispiele dennoch, dass es auch eine andere Komponente von „1968“ und den Auswirkungen der Studentenbewegung gab, als jene einer überwiegend nationalen „Erfolgsgeschichte“ von Aufbruch, Freiheit und Pluralität, die von Beteiligten der Revolten vielfach selbst oder auch von der wissenschaftlichen Forschung noch bis Ende der 1990er-Jahre gezeichnet wurde. Der „Bund Freiheit der Wissenschaft“ steht, indem er Kritiker der Studentenbewegung bzw. „konservative“, andersdenkende Intellektuelle vereinte, somit beispielshaft für ein anderes Moment, für eine „Gegenseite“, der „68er“-Generation an den Universitäten in der Bundesrepublik.

Von dem Gedanken ausgehend, dass sich die Mitglieder des „Bundes“ Anfang der 1970er-Jahre überhaupt erst zu dieser Interessengruppe zusammengefunden hatten, weil sie sich gegen radikalisierte Tendenzen seitens der Studierendenschaft wehren wollten, verwundert es nicht, dass der „Bund Freiheit der Wissenschaft“ zu jenen Verbänden gehörte, die den „Radikalenerlass“ positiv begrüßten – neben z. B. dem Deutschen Beamtenbund, dem Richterbund oder dem Bundeswehrverband. Nach Auffassung der Angehörigen des „Bundes“ stellte der Beschluss eine Möglichkeit dar, die Anhänger sozialistischer, marxistischer und kommunistischer Ideologien, die sich auf ihre „langen Marsch durch die Institutionen“ begeben hätten und die „drohten“ auch im universitären Bereich Fuß zu fassen, aufzuhalten. Die vom „Bund“ befürchtete „Unterwanderung“ des öffentlichen Dienstes auf dem Gebiet der Hochschulen durch „extremistische“ Kräfte konnte folglich – so theoretisch die Hoffnung der am „Bund“ Beteiligten – verhindert werden. Der „Bund“ sprach sich deshalb v. a. in der Frühphase der Debatte um den „Radikalenerlass“ für eine strenge Handhabung des Beschlusses aus und befürwortete die Methode einer „Regelanfrage“ über Bewerber und Beamte beim Verfassungsschutz im Zuge der Verfahren, die basierend auf den Bestimmungen des „Ministerpräsidentenbeschlusses“ durchgeführt wurden. Die Mitglieder des „Bundes“ gaben innerhalb der weitgreifenden Auseinandersetzungen um die umstrittene Maßnahme der „Abwehr“ von „Radikalen“ aus dem Staatsdienst sogar selbst eine schriftliche Dokumentation zum Thema heraus. Unter dem Titel „Verfassungsfeinde im öffentlichen Dienst“ wandten sie sich 1975 publizistisch an die interessierte Öffentlichkeit, um der „Verunsicherung“, die durch die Anwendung des „Radikalenerlasses“ im Hochschul- und Bildungsbereich entstanden war, entgegenzuwirken (vgl. hierzu: Wehrs, Protest, 407).

Die Besorgnis des „Bundes Freiheit der Wissenschaft“ in Bezug auf ein Überhandnehmen „verfassungsfeindlicher“ Aktionen an den Universitäten bestand indessen weiterhin. So wandte sich der „Bund“ z. B. am 28. Juli 1977 besorgt an das Innenministerium in Baden-Württemberg und warnte davor, dass wenig zuvor die Vereinigten Deutschen Studentenschaften (VDS) beschlossen hatten, im kommenden Wintersemester 1977/78 bundesweit an allen deutschen Hochschulen einen umfassenden Streik zu organisieren. Die Studierenden wollten sich damit gegen das Hochschulrahmengesetz (HRG) wenden, das zuvor erlassen worden war und künftighin die Hochschullandschaft für alle Bundesländer zentralisiert organisierte bzw. in den Ländern jeweils implementiert wurde. Ein solcher Ausstand an den Universitäten bedeutete „bekanntlich“ – so der „Bund“ weiter –, dass die Vorlesungen gestört und die „Studierwilligen“, also jene, die nicht am Streik partizipierten, in ihrem Studienalltag behindert würden. Thomas Nipperdey, Historiker und zu dieser Zeit Ordinarius an der Münchner Universität, unterzeichnete den Appell als Angehöriger des Vorsitzes des „Bundes Freiheit der Wissenschaft“ und forderte das Innenministerium auf, schnellstmöglich rechtliche Schritte einzuleiten, um eine „Eskalation“ an den Hochschulen im Wintersemester zu verhindern. Der „Bund“ mahnte, dass man die Mehrheit der an den Universitäten Beschäftigten und Studierenden nicht mit der Problematik allein lassen konnte, während zeitgleich linksextreme studentische Gruppen „planmäßig Aktionen“ vorbereiteten (Schreiben des Bundes Freiheit der Wissenschaften an den Innenminister des Landes Baden-Württembergs vom 28. Juli 1977, 1f.). Auch wenn das baden-württembergische innere Ressort daraufhin beschloss, die Angelegenheit der angekündigten Proteste für das Wintersemester im Koordinierungsausschuss mit den anderen Ministerien zu besprechen, konnte eine umfassende Streik-Bewegung nicht verhindert werden. An sehr vielen Hochschulen bundesweit und auch an den Universitäten in Baden-Württemberg, etwa in Heidelberg und Tübingen, kam es zu massiven Protestorganisationen. Der Kommunistische Studentenbund/Marxisten-Leninisten (KSB/ML) veröffentlichte hierzu im Januar 1978 sogar eine eigene „Streik-Dokumentation“ (KSB/ML, Streik-Dokumentation WS 77/78). Hierin wurden sämtliche Kritiker und Kontrahenten der studentischen Revolten als „Faschisten“ und Verfechter der „Bourgeoisie“ dargestellt, die mit brutaler polizeilicher Gewalt und Spitzeltätigkeiten den „revolutionären“ und „fortschrittlichen“ Studenten jegliche Rechte absprächen. Den „Bund Freiheit der Wissenschaft“ bezeichnete die Dokumentation als „reaktionäre[n] Professoren-Verband“ (ebd., 27, 41).

Mit dem Verlauf der Jahre und dem Fortschreiten der Diskussionen um den „Radikalenerlass“ rückten die Mitglieder des „Bundes“ jedoch von ihrer vergleichsweise strikten Haltung hinsichtlich der „Bekämpfung“ von Extremisten im öffentlichen Dienst ab. Wiederum Nipperdey forderte etwa gegen Ende der 1970er-Jahre, dass die von den Gegnern des Beschlusses geäußerte Kritik innerhalb des „Bundes Freiheit der Wissenschaft“ gehört und ernst genommen werden sollte. Außerdem betonte er, dass der „Bund“ zu einer abgemilderten Position hinsichtlich der „Radikalenabwehr“ im Staatsdienst finden müsste, mit der sich auch weitere Kreise der Bevölkerung identifizieren könnten. In der Folge zeigte sich der Verein innerhalb der Debatte also toleranter und diskutierte gleichfalls darüber, ob die „Regelanfrage“ beim Verfassungsschutz durch eine „Selbstauskunft“ des Bewerbers für den Staatsdienst ersetzt werden könnte. Auch stellte der „Bund“ zur Disposition, dass lediglich jene Bewerber tatsächlich vom Verfassungsschutz zu überprüfen wären, die auch wirklich Aussichten auf eine feste Anstellung hätten. „Verfassungsfeindliche“ Aktivitäten, die über drei Jahre zurücklagen, sollten zusätzlich, laut dem „Bund“, in den Einstellungsverfahren für den öffentlichen Dienst nur noch dann berücksichtigt werden, wenn sie zu strafrechtlich relevanten Taten geführt bzw. substanzielle Konsequenzen gezeitigt hatten (hierzu: Wehrs, Protest, 408).

Beinahe vollständig überlagert wurde diese interne Neuorientierung im „Bund“ in Bezug auf die Anwendung des „Radikalenerlasses“ am Ende der 1970er-Jahre allerdings von den Vorkommnissen um die „West-Berliner Notgemeinschaft für eine freie Universität“ (NofU) seit der Mitte des Jahrzehnts. Die in der „Notgemeinschaft“ – der erste regionale und aktivste Ortsverband des „Bundes Freiheit der Wissenschaft“ – organisierten Hochschullehrer sahen in Berlin die „Gefahr“ von Installationsversuchen einer „kommunistischen Diktatur“ durch „Verfassungsfeinde“ an den Universitäten als besonders gegeben – aufgrund der unmittelbaren Nähe Berlins zur DDR und dem generellen Charakter der Stadt als Mittelpunkt des Ost-West-Konflikts. In Folge der Verabschiedung des „Radikalenerlasses“ begann somit die „Notgemeinschaft“ Namenslisten von „extremistischen“ Hochschulangehörigen zu veröffentlichen, die über Verteiler, nicht nur an die Rektoren von westdeutschen Universitäten, Gewerkschaften oder Arbeitsgeberverbände gesandt, sondern u. a. sogar an die Bundesregierung, Bundestags- und Landtagsmitglieder weitergegeben wurden. Damit suchte die „Notgemeinschaft“ ihrerseits – ebenso wie der „Bund“, jedoch in einer sehr viel drastischeren Variante – eine „Unterwanderung“ des universitären Bereichs durch „Extremisten“ zu verhindern. Es handelte sich bei diesen, von Kritikern und Betroffenen als „Schwarze Listen“ betitelten Namensmitteilungen allerdings de facto um öffentliche Diffamierungen bzw. Denunziationen der in ihnen aufgeführten Personen als „Verfassungsfeinde“. Handhabe gegen das Vorgehen der „Notgemeinschaft“ rechtlich Einspruch zu erheben bestand praktisch keine, da der Ortsverband für seine Listen nur bereits zuvor in verschiedenen Kontexten verwendete Quellen nutzte. Dennoch führten die Listen zu einer breiten öffentlichen Empörung – bei den Betroffenen selbst ebenso wie bei generell an der Debatte um den „Radikalenerlass“ Beteiligten. Letztlich distanzierte sich sogar der „Bund Freiheit der Wissenschaft“ im Jahr 1980 von dem Verfahren seiner Berliner Sektion (vgl. hierzu ausführlich: Koischwitz, Bund, 397-409). Die negativen Konnotationen allerdings, die in der Öffentlichkeit mit der „Notgemeinschaft“ seit 1972 gezogen wurden, hafteten auch dem „Bund“ weiterhin an, der sich ohnedies zeit seines Bestehens v. a. von Seiten linksliberaler politischer Kräfte dem Vorwurf ausgesetzt sah, eine Lobby erzkonservativer und reformgegnerischer, gar „brauner“ Professoren zu sein, die ihrerseits auf ihren universitären Privilegien beharren würden (hierzu z. B. die Artikel Der Bund „Freiheit der Wissenschaft“ – Rechts-Jongleure und ihre Politik; Bund Freiheit der Wissenschaft. Stosstrupp der Reaktion oder Aufruf des SHS; auch: Wehrs, Protest, 14 f.).

Zahlreiche regionale Gliederungen des „Bundes Freiheit der Wissenschaft“ zeigten bereits ab Mitte der 1970er-Jahre Auflösungserscheinungen, die Mitgliederzahlen sanken nach und nach, bis sich der „Bund“ schließlich 2015 auflöste. Das Bild, das der „Bund“ für jene, die an den Umwälzungen der 1960/70er-Jahre im Hochschulbereich beteiligt waren, hinterließ, beschreibt Nikolai Wehrs folgendermaßen: „[E]in alarmistisches Verteidigungsbündnis verschreckter Ordinarien, die sich in der modernen Welt nicht mehr zurechtfanden und die den Ruf ihrer Studenten nach ‚mehr Demokratie‘ als Angriff auf ihre Privilegien auffassten“ (Wehrs, Protest, 477). Doch wird diese Zuschreibung dem „Protest der Professoren“ gegen die Studentenbewegung und ihre Nachwirkungen, der vom „Bund Freiheit der Wissenschaft“ initiiert wurde, nicht gerecht. Der „Bund“ war vielmehr eine durchaus reformorientierte Interessengemeinschaft, deren Mitglieder aus allen politischen und fachlichen Richtungen kamen. Sie nahmen allerdings, und so formuliert es erneut Wehrs „die Herausforderung der studentischen Linken in besonderer Weise ernst“ (Wehrs, Protest, 478). Das trifft weitestgehend auch in Bezug auf die Haltung des „Bundes“ in der Auseinandersetzung um den „Radikalenerlass“ zu, der für dessen Angehörige ein wirksames Mittel darstellte, Extremisten erfolgreich aus dem öffentlichen Dienst fernzuhalten. Der „Extremistenbeschluss“ galt den im „Bund“ organisierten Professoren dabei als der Ausdruck einer „wehrhaften Demokratie“, für die sie durch ihre Tätigkeit im „Bund“ dezidiert einzutreten gedachten. Die Vorgehensweise der Berliner „Notgemeinschaft“ hinsichtlich des „Extremistenbeschlusses“ muss hiervon jedoch getrennt betrachtet und bewertet werden.

Quellen

Artikel „Bund Freiheit der Wissenschaft. Stosstrupp der Reaktion“, in: Schulkampf 2, 1972, S. 4 u. 9.

Artikel „Der Bund ‚Freiheit der Wissenschaft‘ – Rechts-Jongleure und ihre Politik“, in: babylon. Zeitung für Dolmetscher und Übersetzer 10, 1971, S. 7 f.

Artikel „Klare Absage an den Radikalismus“, in: RNZ, 15.12.1972, o. S.

Aufruf des SHS (Sozialistischer Heidelberger Studentenbund), Die Uni wird rot!, 8.2.1973, abgedruckt in: Bund Freiheit der Wissenschaft. Vorstand der Sektion Heidelberg, Dokumentation 3: Wintersemester 1972/73 an der Universität Heidelberg, Linksradikalismus, Bund Freiheit der Wissenschaft, Weinheim 1973, S. 89.

Bund Freiheit der Wissenschaft, Aktionsprogramm, beschlossen am 21. Februar 1971 in Frankfurt, abgedruckt in: ASTA Polit- u. Fachschafts-Info Nr. 13, Dokumentation über den Bund Freiheit der Wissenschaft [Köln 1972], S. 5-7.

Bund Freiheit der Wissenschaft. Vorstand der Sektion Heidelberg, Dokumentation 3: Wintersemester 1972/73 an der Universität Heidelberg, Linksradikalismus, Bund Freiheit der Wissenschaft, Weinheim 1973.

Bund Freiheit der Wissenschaft, Gründungsaufruf, in: Maier, Hans/Zöller, Michael (Hg.), Bund Freiheit der Wissenschaft. Der Gründungskongreß in Bad Godesberg am 18. November 1970, Köln 1970, S. 7-11.

Bund Freiheit der Wissenschaft, Satzung [1970], abgedruckt in: ASTA Polit- u. Fachschafts-Info Nr. 13, Dokumentation über den Bund Freiheit der Wissenschaft [Köln 1972], S. 11 f.

KSB/ML. Sektion der Roten Garde. Jugendorganisation der KPD/ML, Streik-Dokumentation WS 77/78, Bochum [1978].

Nolte, Ernst, Die gegenwärtige Situation der deutschen Universität, in: Maier, Hans/Zöller, Michael (Hg.), Bund Freiheit der Wissenschaft. Der Gründungskongreß in Bad Godesberg am 18. November 1970, Köln 1970, S. 20-35.

Schreiben Bund Freiheit der Wissenschaften e.V. an den Innenminister des Landes Baden-Württemberg, Bonn, 28.7.1977, in: HStA Stuttgart EA 1/924 Bü 1272, Bl. 10.

Literatur

Koischwitz, Svea, Der Bund Freiheit der Wissenschaft in den Jahren 1970-1976. Ein Interessenverband zwischen Studentenbewegung und Hochschulreform (Kölner Historische Abhandlungen 52), Köln 2017.

Stolle, Michael, Universitäten und Hochschulen in Baden-Württemberg. Tradition – Vielfalt – Wandel (Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs 41), Stuttgart 2015.

Wehrs, Nikolai, Protest der Professoren. Der „Bund Freiheit der Wissenschaft“ in den 1970er Jahren (Geschichte der Gegenwart 9), Göttingen 2014.

Zoll, Ralf, Der „Radikalenerlass“, in: Imbusch, Peter/Zoll, Ralf (Hg.), Friedens- und Konfliktforschung, Wiesbaden 52010, S. 485-509.

Autorin

Mirjam Schnorr M.A. ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Lehrstuhl für Zeitgeschichte der Universität Heidelberg.

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