„Im Grunde war es bizarr.“ Martin Hornung im Gespräch

Jene, die vom „Radikalen“- bzw. „Schiess-Erlass“ in Baden-Württemberg unmittelbar betroffen waren – die Zeitzeugen und Zeitzeuginnen – sind für die Arbeit im Forschungsprojekt Verfassungsfeinde im Land? mit ihrer Geschichte und ihren spezifischen Erfahrungen hinsichtlich der Maßnahmen zur „Radikalen-Abwehr“ im öffentlichen Dienst seit Anfang der 1970er-Jahre von großem Interesse.

Mit ihnen ins Gespräch zu kommen, heißt, die wissenschaftliche Forschung zum Thema des „Radikalenerlasses“ in zeitgeschichtlicher und regionaler Perspektive sehr bereichern zu können. Neben des auf Basis intensiver Quellenrecherchen gewonnenen Faktenwissens, bedeutet der Austausch mit Zeitzeugen, deutlichere Aussagen darüber treffen zu können, wie der „Ministerpräsidentenbeschluss“ vom 28. Januar 1972 konkret die Biografien der von ihm Betroffenen beeinflusste. Welche Auswirkungen zeitigte der „Radikalenerlass“ also auf persönlicher Ebene? Welche Brüche begründete er eventuell innerhalb des eigenen Lebenslaufs? Wie wurden die Überprüfungsvorgänge und die etwaigen Ablehnungen und Entlassungen aus dem Staatsdienst von den Betroffenen wahrgenommen? Wie positionierten sie sich generell zur von Politik und Öffentlichkeit spätestens in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre aufgeworfenen und verhandelten „Radikalen-Frage“? Das sind nur einige beispielhafte Ausgangspunkte eines noch sehr viel umfassenderen Fragenkatalogs, den das Forschungsprojekt in einzelnen Interviews an ausgewählte Betroffene herantragen möchte.

Im Februar dieses Jahres stellte sich Martin Hornung, geboren 1947 in Brettach im Kreis Heilbronn und heute wohnhaft in Eppelheim bei Heidelberg, dem Forschungsprojekt als Zeitzeuge zur Verfügung und beantwortete in diesem Zusammenhang unsere zahlreichen Fragen. Sein Fall als Betroffener des „Schiess-Erlasses“ in Baden-Württemberg ist einerseits charakteristisch für die Anwendungspraxis des „Extremistenbeschlusses“ im Südwesten und andererseits außergewöhnlich hinsichtlich seines tatsächlichen Ausgangspunkts und Verfahrensablaufs. Charakteristisch v. a., weil Hornung Mitte der 1970er-Jahre einer der zahlreichen jungen angehenden Lehrer und Lehrerinnen war, die nach dem erfolgreich abgeschlossenen Studium an die Schulen des Landes kommen sollten, denen aber dann auf Basis des „Radikalenerlasses“ und wegen der gegen sie ausgesprochenen „Zweifel an ihrer Verfassungstreue“ der Zugang zum öffentlichen Dienst versagt wurde. Außergewöhnlich insbesondere aufgrund der Tatsache, dass Hornung ausschließlich wegen seiner im Jahr 1975 erfolgten Fürsprache für eine Protestresolution an der Pädagogischen Hochschule (PH) Heidelberg – diese hatte sich kritisch gegen die landeseigenen Ausführungsbestimmungen des „Radikalenerlasses“ im „Schiess-Erlass“ positioniert – als Lehramtsanwärter abgelehnt wurde.

Hornung bewarb sich, nachdem er seit 1972 Geschichte an der PH Heidelberg studiert und 1975 sein Examen abgelegt hatte, im selben Jahr um Einstellung als Lehrer in das Beamtenverhältnis auf Probe. Das für sein Anstellungsgesuch zuständige Oberschulamt Stuttgart meldete in der Folge vor dem Hintergrund des regulär durchgeführten Überprüfungsvorgangs auf Grundlage des „Schiess-Erlasses“ Zweifel daran an, dass er die vom Beamten(bewerber) im Staatsdienst obligatorisch erforderliche „Gewähr zur Verfassungstreue“ bieten würde. Der Grund hierfür: Hornung hatte im Frühjahr 1975 als einer von insgesamt acht PH-Prüflingen eine „Öffentliche Erklärung“ unterschrieben, deren Initiatoren hiermit den „Schiess-Erlass“ – genauer gesagt dessen Methoden und die damit verbundenen überwiegend negativen Auswirkungen auf die Berufswege von Universitäts- und Hochschulabsolventen – unumwunden angegriffen und seine Aufhebung gefordert hatten. Hornung und seine Kommilitonen waren ursprünglich davon ausgegangen, dass sich sehr viel mehr Studierende ihrem Protest anschließen und sich, ähnlich einer im Jahr zuvor durchgeführten Resolution, zumindest mehrere hundert von ihnen mit ihrer Unterschrift an der Kritik der Ausführung des „Radikalenerlasses“ in Baden-Württemberg beteiligen würden. Doch dieses Ziel wurde bei weitem nicht erreicht; es blieb insgesamt bei den nur acht Unterzeichnern. Diese unterschrieben überdies mit vollem Namen sowie Informationen zu ihrer Adresse. Es ist zu vermuten, dass zum Zeitpunkt der „Öffentlichen Erklärung“ an der PH etliche andere Studierende angesichts der Entwicklungen um den „Extremistenbeschluss“ berufliche Nachteile befürchteten, im Falle, dass sie sich kritisch gegen die „Berufsverbotepraxis“ aussprechen würden.

Doch Hornung und seine Mitstreiter blieben bei ihrer Meinung. Sie sahen im „Schiess-Erlass“ eine gezielte „Auslese“ und damit eine Form der „Erpressung“ von angehenden Lehrern begründet. Die Konsequenzen für ihre „Öffentliche Erklärung“ trugen sie im Anschluss. Sie waren sich bereits zuvor weitestgehend darüber bewusst gewesen, dass es zu Problemen bei Ihrem Eintritt in den Lehrerberuf und damit in den öffentlichen Dienst kommen könnte. Hornung im Speziellen musste die Entscheidung des Oberschulamts und damit seine Ablehnung als Lehrer letztlich hinnehmen. Der Klageweg kam für ihn zu diesem Zeitpunkt aus verschiedenen persönlichen Gründen nicht infrage. In der Folge orientierte er sich deswegen beruflich um: Nachdem er zunächst kleinere Beschäftigungen – etwa als Nachhilfelehrer – ausgeübt hatte, um seinen Lebensunterhalt zu sichern, fing er schließlich Anfang 1977 als angelernter Maschinenarbeiter bei dem Heidelberger Nutzfahrzeugzuliefererunternehmen GRAU-Bremse (später Haldex) an. Auch privat ergaben sich Veränderungen, denn Hornung heiratete 1979, ein Jahr später kam der gemeinsame Sohn des Paares zur Welt. In den folgenden mehr als drei Jahrzehnten blieb Hornung Teil der GRAU-Bremse. Dort erfuhr er Solidarität und Rückhalt. Die Kollegen wussten von seinem „Berufsverbot“ als Lehrer und Hornung engagierte sich im Betriebsrat der Firma. Zeitgleich war er außerbetrieblich in der Gewerkschaft IG Metall aktiv, seit Beginn der 1990er-Jahre übernahm er zudem Ehrenämter als Richter (Beisitzer) an den Arbeitsgerichten Mannheim und Heidelberg. Für das Arbeitsrecht hatte er sich bereits seit geraumer Zeit, spätestens seit seinem ersten, nicht abgeschlossenen Jura-Studium an der Universität Heidelberg, interessiert.

Mit Martin Hornung im Gespräch am 14. Februar 2020 in Heidelberg.

Vor nunmehr bald acht Jahren ging Hornung schließlich regulär in Rente. Als Rentner war er nicht nur von 2014 bis Frühjahr 2019 für das Regionalbüro der IG Metall Heidelberg in Sinsheim zuständig, sondern partizipiert weiter an der IG Metall-Delegiertenversammlung Heidelberg. Außerdem kümmern ihn auch lokale Belange, wenn er z. B. ab 2013 fünf Jahre lang eine Protestinitiative im Streit um den „Edeka-Zaun“ in Eppelheim unterstützt hat, um für die Bevölkerung freien Zugang zum Einkauf zu erreichen. Überdies ist er Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA). Ebenfalls seit seinem Eintritt in das Rentenalter wirkt er in der baden-württembergischen Initiative „40 Jahre Radikalenerlass“ mit, die kurz zuvor von ehemals zu „Verfassungsfeinden“ erklärten Aktivisten gegründet worden war und die über die Geschichte und Folgen des „Radikalenerlasses“ aufklären will.

Hornung sagt heute über die Vorgänge von Mitte der 1970er-Jahre und über seine Erfahrungen mit dem „Radikalen“- bzw. „Schiess-Erlass“ – diese bezeichnet er rückblickend als „bizarr“ –, dass er letzten Endes noch „Glück“ hatte. „Glück“, weil für ihn das „Berufsverbot“ nicht derart „existenziell“ bedrohlich war wie im Falle anderer vom „Extremistenbeschluss“ Betroffener. „Glück“, aber auch deshalb, weil er, wie er sagt, mit seiner „politische[n] Einstellung etwas […] anfangen“ konnte und diese v. a. für sein außerberufliches Engagement in Betriebsrat und Gewerkschaft nutzen konnte. Dennoch betont er im Interview, auch im Namen der Initiative „40 Jahre Radikalenerlass“, die Wichtigkeit und Notwendigkeit einer Entschuldigung der Landesregierung für den „Schiess-Erlass“, Rehabilitierung und Entschädigung der Betroffenen sowie geschichtliche Aufarbeitung. Der hier zur Verfügung gestellte Videoausschnitt aus dem Zeitzeugeninterview mit Martin Hornung am 14. Februar 2020 in Heidelberg gibt einen kleinen Einblick in seinen Fall sowie seinen persönlichen Werdegang nach dem Überprüfungsverfahren im Zuge des „Schiess-Erlasses“. Wir danken Martin Hornung für seine Bereitschaft zum Interview.

Zum Weiterlesen

Akten zum Fall Martin Hornung im Hauptstaatsarchiv Stuttgart.

Artikel von Sören S. Sgries in der Rhein-Neckar Zeitung vom 18. Juni 2015 mit dem Titel Radikalenerlass: Betroffene kämpfen um Rehabilitierung, abrufbar unter: https://www.rnz.de/politik/suedwest_artikel,-Suedwest-Radikalenerlass-Betroffene-kaempfen-um-Rehabilitierung-_arid,105992.html.

Beitrag von Mirjam Schnorr in der Zwischenpublikation des Forschungsprojekts Verfassungsfeinde im Land? von 2020 mit dem Titel Den „Schieß-Erlass unterschreiben, […] [d]as ist nichts als Erpressung“. Der Fall Martin Hornung, erscheint in Kürze.

Broschüre der Kommunistischen Hochschulgruppe (KHG) Heidelberg Weg mit Schiesserlass, Beamtenrecht und KPD-Verbot. Dokumentation der KHG zu 27 Berufsverboten an der PH Heidelberg vom November 1975, verfügbar z. B. über das Universitätsarchiv Heidelberg.

Darstellung des Falls von Martin Hornung für den Runden Tisch in Baden-Württemberg im Juni 2015 und weitere Informationen hierzu sowie zum übergeordneten Thema des „Radikalenerlasses“ auf der Homepage berufsverbote.de, abrufbar unter: http://www.berufsverbote.de.

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