„Ich wollte dafür kämpfen, dass ich wieder in den Schuldienst komme.“ Sigrid Altherr-König im Gespräch

von Mirjam Schnorr

Zahlreiche Betroffene des „Radikalenerlasses“ in Baden-Württemberg haben sich seit Beginn des Forschungsprojekts „Verfassungsfeinde im Land?“ bereit erklärt, die wissenschaftliche Erarbeitung der Inhalte zum Thema zu begleiten und diese mit Berichten über ihre persönlichen Schicksale im Zusammenhang mit den „Berufsverboten“ zu ergänzen. Sigrid Altherr-König besuchte das Team des Forschungsprojekts im September vergangenen Jahres in Heidelberg und gab uns Einblicke in ihre Geschichte mit dem „Extremistenbeschluss“ vom Januar 1972.

Sigrid Altherr-König wurde 1953 in Münsingen auf der Schwäbischen Alb geboren. Weil ihr Vater Forstmann war und im Zuge dessen in Baden-Württemberg öfter beruflich versetzt wurde, kam sie im Alter von fünf Jahren mit ihrer Familie nach Freiburg im Breisgau, wo sie die Grundschule und anschließend die „Höhere Töchternschule“, das Goethe-Gymnasium, besuchte. Dort ging sie zusammen mit einer der vier Töchter von Hans Filbinger, zwischen 1966 und 1978 Ministerpräsident von Baden-Württemberg, in eine Klasse. Nach dem Abitur absolvierte sie zunächst eine Schwesternhelferinausbildung bei den Maltesern, bevor sie 1972 ein Studium der Fächer Biologie und Deutsch an der Freiburger Pädagogischen Hochschule aufnahm. Hatten Altherr-König bereits als Schülerin die Ereignisse des Vietnamkriegs und die „Notstandsgesetze“ zum Demonstrieren auf die Straße getrieben, engagierte sie sich auch als Studentin weiterhin: Sie trat in die Deutsche Friedensgesellschaft ein – die zu diesem Zeitpunkt noch Deutsche Friedensgesellschaft-Internationale der Kriegsdienstgegner (DFG-IdK) hieß –, beriet Kriegsdienstverweigerer, wurde Mitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und im Marxistischen Studentenbund Spartakus (MSB Spartakus). Die „Friedensfrage“, so sagt sie im Interview, „die hat [sie] ganz stark beschäftigt“ und weil „[man] nur organisiert […] was machen [kann]“, kandidierte sie unter anderem auch für das Studentenparlament und für den Großen Senat auf der Liste des Studentenverbandes MSB Spartakus. Bedingt war ihr Engagement für den Frieden nicht zuletzt durch ihren eigenen familiären Hintergrund. Der Großvater väterlicherseits war in der Kolonie Südwestafrika als Freiwilliger bei der Niederschlagung des Herrero- und „Hottentotten“-aufstandes beteiligt. 1933 trat dieser in die NSDAP ein, hatte Funktionen als „Zellenleiter“ und 1939 als „Personalamtsleiter“. Der Vater hatte die Schlacht von Stalingrad überlebt, wurde 1947 von der französischen Militärpolizei verhaftet, weil er angeblich an der Erschießung von französischen Partisanen beteiligt gewesen war. Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und das damit einhergehende Verdrängen der Elterngeneration war demnach für Altherr-König noch einmal in besonderem Maße wichtig.  Sie trat deswegen für ein „Nie-wieder“ von Gewalt, Entrechtung und Menschenrechtsverletzungen ein und wollte dies auch öffentlich kundtun.

Sigrid Altherr-König im Zeitzeugeninterview am 3. September 2020 in Heidelberg. Eigenes Foto.

Ihr Studium an der Pädagogischen Hochschule schloss Altherr-König dann im Jahr 1976 erfolgreich ab. Bereits einige Zeit zuvor hatte schon sie die ersten Fälle von „Berufsverboten“ auf Basis des „Radikalenerlasses“ mit verfolgt: Als „politisch interessierte Student/in“ habe man dies ohnehin, wie sie erzählt, „mitbekommen“ und „auch im MSB Spartakus“ sei „darüber diskutiert“ beziehungsweise dahingehend schon zu diesem Zeitpunkt konstatiert worden: „Das könnte gefährlich werden. Was bahnt sich da an? Wie werden Grundrechte eingeschränkt? Wird mir der Eintritt in den Schuldienst verwehrt?“ Welche Auswirkungen der „Ministerpräsidentenbeschluss“ dann für sie persönlich haben sollte, das erfuhr Altherr-König schließlich, als sie sich nach dem Ende ihres Studiums für den Vorbereitungsdienst an Grund- und Hauptschulen bewarb – und sie daraufhin erst einmal keine Resonanz erhielt, während ihre ehemaligen Kommilitonen und Kommilitoninnen längst Bescheid bekamen, wann und wo sie als junge Lehrerinnen und Lehrer zu unterrichten anfangen konnten. Schon da war Altherr-König sich bewusst darüber: „[J]etzt kommt was auf mich zu.“ Das bedeutete in ihrem Falle konkret, dass der Verfassungsschutz bereits im März 1976 die folgende Erkenntnis über sie mitgeteilt hatte: In den Jahren 1974 und 1975 kandidierte sie zu verschiedenen Gelegenheiten „bei Wahlen an der Pädagogischen Hochschule Freiburg […] auf der Liste des ‚Marxistischen Studentenbundes Spartakus‘.“ Von den gegen sie erhobenen Vorwürfen erfuhr Altherr-König selbst allerdings erst Monate später: Am 11. August 1976 erhielt sie einen Brief vom Oberschulamt Stuttgart und wurde vorgeladen. In den darauffolgenden zwei Anhörungen vor der einstellenden Schulbehörde – diese beschreibt sie im Rückblick als eine „ungeheure Nervenanstrengung“ – suchte Altherr-König sodann vor allem ihr Unverständnis zum Ausdruck zu bringen, dass überhaupt grundlegende Zweifel an ihrer Verfassungstreue bestehen könnten. Offenbar interessierte jedoch ihre eigene Sichtweise der Dinge die für die Anhörung eingesetzten Beamten wenig und sie wurde ausschließlich etwa zu ihrer Mitgliedschaft im MSB Spartakus beziehungsweise ihrer allgemeinen Haltung gegenüber dem Marxismus befragt. Einige Zeit nach den Gesprächen durfte sie dennoch im Dezember 1976 – wenn auch insgesamt verspätet – ihren Vorbereitungsdienst an der Ameisenbergschule in Stuttgart antreten. „Warum und wieso“ ihr gegenüber kein „Ausbildungsverbot“ ausgesprochen wurde, wie es in zahlreichen anderen und vergleichbaren Fällen geschah, das weiß sie bis heute nicht. Während sie ihren Vorbereitungsdienst leistete, stand sie dann jedoch, wie sie berichtet, stets unter enormem Druck und hatte Befürchtungen, was eventuell im Anschluss hieran noch passieren würde. Der Rektor, an dessen Schule sie in Dienst stand, unterstützte sie jedoch ohne Vorbehalte gegenüber ihrer politischen Einstellung und Aktivität tatkräftig und sah in ihr von Anfang eine sehr „engagierte Lehrerin“.

Nachdem Altherr-König 1978 ihre zweite Dienstprüfung bestanden hatte, bewarb sie sich um eine dauerhafte Anstellung im Schuldienst und erst dann „ging es richtig los“, wie sie im Gespräch anmerkt. Es folgte ihre dritte Anhörung, in der es erneut um ihre Kandidaturen während ihrer Studentenzeit für den MSB Spartakus, aber auch um ihre Tätigkeit für die Deutsche Friedensgesellschaft (inzwischen die Deutsche Friedensgesellschaft-Vereinigte Kriegsdienstgegner/innen – DFG-VK) ging. Letztere galt als „kommunistisch unterwandert“. Die Frage nach ihrer Mitgliedschaft in der DKP, bei der Altherr-König nunmehr Mitglied geworden war, ließ sie unbeantwortet und entgegnete lediglich, dass sie nicht Mitglied einer vom Bundesverfassungsgericht verbotenen Partei sei. Nach dieser neuerlichen Anhörung erfuhr sie erst einmal nichts Weiteres und musste wieder warten. Sie meldete sich arbeitslos. In dieser Zeit wandte sich Altherr-König zum Beispiel schriftlich auch direkt an den Ministerpräsidenten Lothar Späth und schilderte ihre gesamte derzeitige Situation, somit unter anderem auch ihre mehr als angespannte finanzielle Lage. Sie versicherte Späth in dem Schreiben, dass sie „die Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung bejahe und aktiv vertrete“ beziehungsweise „niemals Handlungen gegen das Grundgesetz unternommen habe und unternehmen werde.“ Im Zuge dessen forderte sie Späth zudem auf, sein „Wort“ zu halten und ihren Fall, wie er es zuvor in den Stuttgarter Nachrichten hinsichtlich der Anwendung des „Radikalen“- und „Schiess-Erlasses“ geäußert hatte, nicht nur nach „Formvorschriften „ab[zuhaken]“. Eine Antwort von Seiten eines Vertreters des Innenministers kam wenig später. Hierin wurde jedoch lediglich darauf hingewiesen, dass Altherr-König sich bislang in ihren Anhörungen offenbar nicht ausreichend „eindeutig und glaubhaft von den Zielen des MSB-Spartakus“ distanziert habe und gerade ihr Fall im Grunde genommen belegen würde, dass in der Praxis der Regelanfrage nicht nur nach „Formvorschriften ‚abgehakt‘“ werde, sondern vielmehr kontinuierlich die jeweiligen „Gesamtumstände“ Berücksichtigung erfahren könnten.

Weil sie keine andere Möglichkeit mehr sah, wagte Altherr-König schließlich erneut einen Vorstoß und ließ durch ihren Rechtsanwalt Hans-Dieter Wohlfarth aus Stuttgart den Antrag stellen, sie endlich in den Schuldienst zu übernehmen. Dieser Antrag allerdings wurde mit Schreiben des Oberschulamts Stuttgart vom 19. Oktober 1978 abschlägig beschieden, das heißt, ihm wurde nicht stattgegeben. Als Grund hierfür wurde in der Hauptsache erneut ihre Tätigkeit für den MSB Spartakus aufgeführt. Diese habe, laut dem Ablehnungsbescheid bereits in der Vergangenheit dazu geführt, dass ihre befristete Anstellung für den Vorbereitungsdienst allein schon „[u]nter Zurückstellung erheblicher Bedenken“ abgeschlossen worden sei. Da sie diesbezüglich nun weiterhin erklärt habe, dass sie „persönlich […] nie den Eindruck gehabt [habe], daß der MSB Spartakus gegen die Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung“ verstoße und deswegen auch „keine Veranlassung sehe“, sich von dem Verband zu distanzieren, müssten die Zweifel an ihrer Verfassungstreue aufrechterhalten werden. Die Ablehnung ihrer Bewerbung sei hierdurch hinreichend gerechtfertigt. Altherr-Königs verschiedentlich geäußertes „Bekenntnis zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung“ wurde insgesamt als „nicht überzeugend“ eingestuft, „weil sie sich nicht gleichzeitig mit zwei einander ausschließenden Zielsetzungen identifizieren“, also auch nicht parallel für eine als verfassungsfeindlich geltende Organisation wie den MSB Spartakus und für die freiheitliche demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes eintreten könnte. Die Zweifel an ihrer Verfassungstreue waren zudem auch nicht durch ihre keineswegs in Abrede zu stellende „fachliche Eignung und Befähigung“ zu entkräften gewesen.

Nachdem die Ablehnung vom Oberschulamt Stuttgart ergangen war, folgte ein jahrelanger Rechtsstreit zwischen Altherr-König und dem Land Baden-Württemberg: Dabei erhob sie zunächst Klage auf Einstellung vor dem Arbeitsgericht Stuttgart, der mit einem Urteil vom    1. März 1979 auch entsprochen wurde. Das Land stellte sie dann jedoch zunächst trotzdem nicht ein, sondern ging in Berufung. Diese wurde dann zwar vom Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg in Stuttgart zurückgewiesen, die Revision wurde allerdings zugelassen. Zwischenzeitlich hatte Altherr-König gemeinsam mit ihrem Anwalt eine einstweilige Verfügung unter Androhung von Zwangsgeld in Höhe von 15.000 DM angestrengt. Dahingehend entschied das Arbeitsgericht Stuttgart erneut zu ihren Gunsten, sodass Altherr-König im Jahr 1980 – übergangsweise hatte sie als Hortleiterin beim Deutschen Hausfrauenbund gearbeitet – doch in den Schuldienst gelangte und unterrichten durfte. Sie wurde der Eberhard-Ludwig-Schule in Ludwigsburg, eine Sonderschule für Lernbehinderte, zugewiesen. Weil anschließend aber das Bundesarbeitsgericht Kassel auf eine Revision des Landes mit Richterspruch vom 15. Juli 1982 reagierte und die vorinstanzlichen Urteile in der Sache Altherr-Königs, wegen angenommener „Rechtsfehler“, zur erneuten Verhandlung und Entscheidung an das Berufungsgericht, das heißt, das Landesarbeitsgericht in Stuttgart, zurückgegeben hatte, kam der Fall zur erneuten Verhandlung.

Am Landesarbeitsgericht fiel letzten Endes am 1. Juli 1983 die Entscheidung: Altherr-Königs Klage auf Einstellung in den Schuldienst wurde abgewiesen beziehungsweise das arbeitsgerichtliche Urteil vom März 1979 abgeändert. Es war festgestellt worden, dass ihre Ablehnung aus dem Schuldienst durch das Oberschulamt Stuttgart damals rechtsfehlerfrei gewesen sei; sie, als ehemaliges Mitglied des MSB Spartakus und als aktive Mitwirkende in der DKP, könne auch zukünftig nicht die Gewähr der Verfassungstreue bieten und sei daher auch „nicht in der Lage, den einem Lehrer obliegenden Erziehungsauftrag umfassend gegenüber Kindern der Grund- und Hauptschulen wahrzunehmen.“ Altherr-König habe überdies, laut Ausführungen des Gerichts, indem sie vom MSB Spartakus ausgehend nach ihrem Studium in dessen übergeordnete Organisation, die DKP, übergewechselt habe, „Kontinuität gezeigt“. Sie war also, das hatte sie auch eigenständig in ihrem Verfahren betont, „aus Überzeugung Kommunistin geworden und wolle es auch bleiben“. Spätestens durch ihre fortwährende „aktive Mitgliedschaft und Funktionärsstellung“ in der DKP, zu deren verfassungsfeindlicher Zielsetzung sie sich außerdem bekannt habe, sei die ursprüngliche Ablehnung vollkommen berechtigt gewesen und im Nachhinein auch nicht zu beanstanden. Insgesamt hielt das Urteil in Form einer Art Zukunftsprognose fest, dass, wenn sich Altherr-König „nach ihrem eigenen Verfassungsverständnis und nach ihrer eigenen subjektiven Wertung der Zielsetzungen der DKP nicht in der Lage sieht […] die Zielsetzung der DKP als verfassungsfeindlich zu erkennen“, dies folglich auch „unmittelbar ihre Fähigkeit [berührt], den ihr zur Erziehung anvertrauten Kindern die Grundwerte der Verfassung in ihrer gesamten Vielfalt zu vermitteln.“ Altherr-König meinte hierzu: „Dies wurde festgestellt, obwohl mir nicht ein einziger konkreter Nachweis erbracht wurde, dass ich gegen die Prinzipien der freiheitlich demokratischen Grundordnung während meines Referendariats und während der Schulzeit verstoßen hätte.“

Von der Entscheidung des Landesarbeitsgerichts, sie letztlich doch vom Schuldienst auszuschließen, erfuhr Altherr-König, als sie gerade eine Klasse an einer Schule an der GHS Aichwald im Landkreis Esslingen unterrichtete: Der dortige Rektor kam in den Klassenraum und benachrichtigte sie, nachdem ihn das Oberschulamt telefonisch über das ausgesprochene Urteil informiert hatte. Gleichzeitig äußerte er persönlich sein Bedauern, da er sie sehr schätze. Altherr-König musste sofort die Schule verlassen und durfte noch nicht einmal mehr die Zeugnisse – das Schuljahresende stand unmittelbar bevor – austeilen. Das war für sie ein Schock und sie beschreibt diesen Moment rückblickend folgendermaßen: „Das war für mich ziemlich hart, weil es so endgültig war.“ Im Anschluss an ihre Entlassung dann – mittlerweile hatte sie überdies geheiratet und war Mutter eines Kindes geworden – entschied sie, umzuschulen und begann bei der Firma Hengstenberg eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Nach erfolgreichem Bestehen der Prüfung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK), arbeitete sie bei einem Schleifmaschinenhersteller in Stuttgart in dem neu erlernten Beruf. Ihr Ehemann war um diese Zeit herum bereits ebenfalls als Lehrer nach dem Referendariat abgelehnt worden – wegen „Lehrerüberschusses“ – und arbeitete im Schichtbetrieb bei Südmilch. Die familiäre und berufliche Situation damals stellt Altherr-König im Gespräch als sehr belastend dar: „Wir [ihr Mann und sie] haben uns eigentlich kaum gesehen. […] Ich habe tagsüber gearbeitet, er nachts. Wir haben uns über Briefe verständigt.“ Während ihrer Tätigkeit als Industriekauffrau trat Altherr-König außerdem der IG Metall bei und wurde dort schon bald in den Vertrauensleutekörper gewählt. Sie sagt resümierend über diese Phase ihres Berufslebens: „[I]ch dachte, dass das jetzt meine Zukunft ist“.

Mit Sigrid Altherr-König im Gespräch am 3. September 2020 in Heidelberg.

Als jedoch über zehn Jahre später, am 26. September 1995, schließlich das Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte im Fall der Lehrerin Dorothea Vogt ergangen war, bewarb sich Altherr-König wieder um Anstellung in den Schuldienst. Aus der DKP war sie 1994 ausgetreten. Nachdem sie allerdings ihren Antrag auf Einstellung eingereicht hatte, „ging das alles wieder los, wie wenn nichts gewesen wäre“. Das bedeutet, wie sie erzählt, dass sie „nach dreizehn Jahren Berufsverbot, nachdem [sie] aus der DKP ausgetreten war, […] genauso befragt [wurde] wie 1976.“ Altherr-König musste sich also wiederum einer Anhörung im Oberschulamt Stuttgart unterziehen und Erkenntnisse des Verfassungsschutzes wurden auch fortlaufend über sie mitgeteilt, so zum Beispiel, dass sie im September 1994 in Esslingen am „11. Esslinger Burggespräch“ der DKP-Kreisorganisation Neckar Fils zum Thema „Warum PDS wählen? Wozu DKP stärken?“ teilgenommen hatte. Diesbezüglich lautete auch dann noch die Empfehlung, Altherr-König zu den Hintergründen ihrer Aktivitäten für die DKP befragen zu müssen. Bei dieser Anhörung bekam Altherr-König Rechtsbeistand von der GEW Nordwürttemberg. Nachdem Altherr-König dann jedoch, infolge ihrer Bewerbung und Anhörung im Oberschulamt Stuttgart, zunächst eigentlich davon ausging, dass es mit dem Eintritt in den Schuldienst wieder „nichts [wird]“, bekam sie einige Wochen später einen Anruf von der einstellenden Behörde und erfuhr, dass sie an einer Schule bei Heilbronn ihre Tätigkeit als Lehrerin aufnehmen könnte. Es sei „ein Deal zwischen Innenministerium und Kultusministerium“ gewesen. Weil sie damals aber in Esslingen wohnte und inzwischen alleinerziehende Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern war, wehrte sie sich gegen die Auswahl des Dienstortes und erreichte letztlich auch, dass sie an eine Schule in Esslingen kam: „Das war für mich unglaublich, dieser Moment, als ich wieder in die Schule durfte, nach 13 Jahren Berufsverbot“ – so beschreibt sie rückblickend ihren Wiedereinstieg in das Lehramt. Sie engagierte sich in der Folge enorm in ihrer Position als Lehrerin, weil sie sich sicher war: „Dieser Beruf ist so was Tolles! Und ich habe so lange darum gekämpft.“ Eine vorzeitige Verbeamtung erhielt sie zusätzlich wegen „besonderer Eignung“ im Jahr 1998. Von ihren Kollegen und Kolleginnen wurde sie später in den Örtlichen Personalrat des Staatlichen Schulamts Esslingen-Nürtingen gewählt.

2016 erhielt Altherr-König eine Dankurkunde des Landes Baden-Württemberg „für die während 25-jähriger Tätigkeit im Öffentlichen Dienst treu geleistete Arbeit“. 2018 ging Altherr-König regulär in den Ruhestand. Ihre Schulleiterin sagte bei ihrer Abschiedsrede: „Ihnen ist 13 Jahre lang Unrecht geschehen.“ Die Frage nach der Praxis der „Berufsverbote“ auf Basis des umstrittenen „Radikalenerlasses“ – die vor allem in den 1970er-Jahren und auch in ihrem eigenen Fall zu einer großen öffentlichen Aufmerksamkeit und anhaltenden Diskussion geführt hatte – war und ist Altherr-König jedoch ein insgesamt wichtiges Anliegen. Sie sagt darüber, dass sie „vor allen Dingen wollte“, dass „Recht geschieht“. Deswegen habe sie auch so dafür gekämpft, dass sie wieder in den Schuldienst kommt. Unterstützt wurde sie hierbei, wie sie betont, verschiedentlich, auch insbesondere von der GEW. Die langen Jahre der Prozesse habe sie nur „durchgehalten, weil sie von vielen Menschen, Vorgesetzten, Kolleg*innen, Eltern, Schüler*innen getragen wurde.“ Vor wenigen Jahren dann stellte Altherr-König zudem in der Sache des „Radikalenerlasses“ und seiner Auswirkungen sogar eine eigene Petition an den Landtag von Baden-Württemberg: In der „Petition 15/2168 betr. Entschädigung/Rentenausgleich für Betroffene des sog. Radikalenerlasses“ machte sie geltend, „dass Sie aufgrund ihrer Kandidaturen für den Marxistischen Studentenbund Spartakus sowie ihrer Mitgliedschaft in der Deutschen Kommunistischen Partei den Schuldienst habe verlassen müssen und erst 13 Jahre später wieder eingestellt worden sei.“ Sie bat darum „zu prüfen, welche Form der politischen und moralischen Entschädigung/Rehabilitierung es gebe und welcher Ausgleich bei der Altersversorgung ihr gewährt werden könne.“ Der Landtag allerdings beschied am 10. Oktober 2013 entsprechend der Beschlussempfehlung des Petitionsausschusses ihre Petition abschlägig, indem unter anderem darauf hingewiesen wurde, dass die „Pflicht von Beamtinnen und Beamten zur Verfassungstreue“ gemäß dem hergebrachten Grundsatz des Berufsbeamtentums im Sinne des Artikels 33 Absatz 5 des Grundgesetzes unverändert Gültigkeit besäße und auch die Wiedereinstellung Altherr-Königs 1995/96 in den Schuldienst nicht aufgrund einer „geänderten Rechtslage“ oder „auf einer geänderten Rechtsprechung“, sondern alleinig aufgrund „erneuter Anhörung und veränderter Umstände in der Person der Petentin“ – sie war wie erwähnt 1994 aus der DKP ausgetreten – erfolgt sei. Von daher befand der Landtag „eine moralische oder politische Entschädigung“ für ebenso unmöglich wie „einen Ausgleich in der Altersversorgung“. Der Petition konnte von daher „nicht abgeholfen werden“, womit das Petitionsverfahren mit Mitteilung an Altherr-König vom 11. Oktober 2013 für abgeschlossen erklärt wurde.

Weil es ihr um eine der „Grundfragen der Demokratie“ geht, setzt Altherr-König sich, neben ihrer kontinuierlichen Tätigkeit für die Friedensbewegung und im DGB-Kreisvorstand Esslingen/Göppingen auch heutzutage noch politisch in Bezug auf die Geschichte des „Radikalenerlasses“ ein. Sie arbeitet mit in der baden-württembergischen Initiative „40 Jahre Radikalenerlass“ und fordert Rehabilitierung und Entschädigung für Betroffenen der damaligen Maßnahmen zur Fernhaltung „Radikaler“ aus dem öffentlichen Dienst. Das nicht zuletzt auch, weil ihr selbst, aufgrund der entgangenen Berufsjahre aktuell die Rente zwar „gerade so“ reicht, „aber […] verdammt knapp [ist]“ und sie deswegen sich trotzdem immer wieder noch etwas dazuverdienen muss – etwa als Vertretungslehrerin an ihrer letzten Schule. Ohne Berufsverbot hätte sie circa 900 Euro mehr an Pension nach Berechnungen der GEW. Außerdem strebt sie gemeinsam mit der Initiative an, dass sich die Regierung öffentlich entschuldigt und hofft diesbezüglich, dass sie „das noch erleb[t]“ und sich ihr „Kampf für demokratische Grundrechte […] lohnt.“

Wir danken Sigrid Altherr-König für das Gespräch.

Zum Weiterlesen

Abmayr, Hermann G., Herrn K’s. Gespenst, in: Kontext Wochenzeitung, 2.5.2012, URL: [https://www.kontextwochenzeitung.de/politik/57/herrn-k-s-gespenst-1100.html].

Akten zum Fall Sigrid Altherr-König im Hauptstaatsarchiv Stuttgart und im Hamburger Institut für Sozialforschung.

„‚Es ist ein Unding, dass sich die Landesregierung immer noch nicht entschuldigt hat.‘ Nachwirkungen eines Berufsverbots“, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg, URL: [https://www.gew-bw.de/esslingennuertingen/informationen/aktionen/gespraech-berufsverbote/[ (07.04.2021).

Falldarstellung Sigrid Altherr-König für den Runden Tisch in Baden-Württemberg, 2015, URL: [http://berufsverbote.de/tl_files/RT-BW/Fall_Altherr-Koenig.pdf] (07.04.2021).

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